Vortrag von Marie-Charlotte Cadeau : Seminarwochenende des Kollegs in Berlin

Freitag 03/05/2019

Ich möchte in diesem Vortrag, vorwiegend in Bezug auf bestimmte Formen der heutigen weiblichen Erfahrung, das ansprechen, was wir das Reale der Sexualität nennen könnten.

Von diesem Realen sagte Lacan), wie wir wissen, dass " es unmöglich ist, das sexuale Verhältnis zu schreiben". Ich möchte hier sehr bescheiden die strukturellen Feinheiten der femininen Position (die manche Männer mit den Frauen teilen, es handelt sich ja um eine subjektive Position) hinterfragen, sowie die Art und Weise, wie sich diese heutzutage manifestieren, und so dieses Reale vielleicht noch etwas näher einkreisen.

Eine Frau wohnt am „Anderen“ Ort („lieu Autre“); einem Ort, den Lacan „S von A (barriert)“, S(A barré) nennt.

Vielleicht haben Einige von Ihnen den kleinen Beitrag gelesen, der pädagogisch sein sollte, und den Sie so freundlich waren, zu übersetzen. In diesem Text sollte das bemerkenswerte Bestreben Lacans gezeigt werden, die phallische Funktion auszuarbeiten, was ermöglicht, die feminine Position des logischen Quantors " die nicht ganz in die phallische Funktion eingeordnet werden kann" aufzuzeigen. Das ist also festlegbar wie eine Schrift. Nicht-ganz in der phallischen Funktion" das heißt auch, -und das ist von einem logischen Standpunkt aus untrennbar-, die Tatsache, dass die offene Menge, die die bilden, die nicht-ganz der phallischen Funktion unterstehen, keinen Anhaltspunkt besitzt, keine Ausnahme, die sie gründen könnte, kein "nein sagen", die jeder "einen" Frau ermöglichen würde, sich als solche zu identifizieren. DIE Frau existiert nicht. Dieser Satz, der damals einen Skandal auslöste, bleibt der Schlüssel zu jedem Zugang zum Femininen.

 

Doch kommen wir kurz zur Struktur des „Anderen“ Ortes zurück, die die nicht-ganz in der phallischen Funktion befindlichen bewohnen. Was zeichnet ihn strukturell aus? Der Ort des Anderen, der durchgestrichen ist (mit einer Barre versehen ist), ist wohl der Ort eines Mangels, nur wird dieser Mangel nicht durch die Kastration dialektisiert (oder, anders gesagt, die Kastration dialektisiert sich nicht). Der Andere ist der Ort eines Mangels, der die Frage andauernd offen erhält: "Aber was will man mir?"

Auf der Seite des EINEN, wird der ursprüngliche Mangel, das Ur-Reale in dem Namen des Vaters dialektisiert. Der Sinn der Welt ist sexuell. Auf der Seite des Anderen bleibt der Mangel schwebend, ausweichend; es gibt keine Göttin, (um) die die Irrfahrt des Mangels aufhält, fixiert.

Daher die Fortdauer und das Ausmaß der existenziellen Fragen... Wir sehen da, warum die Frauen mehr die Couch aufsuchen als die Männer. Um es gr grob zu sagen: eine Frau hat also ein doppelsinniges Verhältnis zur Kastration. Wie Lacan es ausdrücken wird: "In keinem Fall kann der Andere für EINEN gehalten werden."

 

Sie ist kastriert, denn sie hat auf das mütterliche Objekt verzichtet; sie spricht, ist also von diesem Standpunkt aus genau so kastriert wir ihr Gefährte, das ist sie durch die Struktur der Sprache. Nur gibt diese seltsame Gleichheit schnell nach, weil es eben diese Struktur ist, die die Gesetze des Sprechens und der Sprache bestimmt, die die Einsetzung des Namens des Vaters, des negativierten Phallus im Realen mit sich bringt, und so auch den Platz beider, des Einen und des Anderen, bestimmt.

Aber andererseits ist sie es nicht, kastriert, denn nichts in diesem „Anderen“ Ort setzt ihren Affekten, ihren Gefühlen, ihren Handlungen, eine Grenze: Nach einem Hinweis Lacans wäre das Paradigma dafür die Gestalt der Medea, die nicht davor zögert, ihre eigenen Kinder zu ermorden, um so den geliebten Mann in seinem eigenen Mehr an Genießen, -seine Nachkommenschaft-, zu treffen.

Und dies wirft ein Licht, an diesem Ort, auf die Nachbarschaft der Kriminellen und der Mystikerin.

 

Bevor wir zu einem klinischen Fall und zu zwei Texten der Autorin Catherine Millet übergehen, Das sexuelle Leben der Catherine M. Und Tag des Leidens, die, so scheint mir, die Widersprüche der femininen Position gut hervorheben, werde ich noch zwei klinisch-theoretische Bemerkungen machen.

 

Zunächst dies: wie Freud es wohl bemerkt hatte, ist die Position des „nicht-ganz in der phallischen Funktion“ nicht die des kleinen Mädchens. Diese Gleichheit vor der Kastration erscheint im "Phallizismus" , der manchmal lang dauern kann bei kleinen Mädchen, die sich erleben, als wenn sie einen Phallus hätten, so wie ihre Mutter. Dieser Zustand des „Phallizismus“ dauert in Familien mit endogamer Neigung länger. Die Töchter suchen Schutz im Haus des Vaters, doch dann lädt sie die Exogamie ein, in das weibliche Anderssein zu reisen: eine Reise, die in dem Pseudo-Trauma des Verlustes, den sie erleidet, sehr schlecht verlaufen kann; es geht nicht nur, wie Freud es zu denken neigte, um den Verlusts des "wertvollen Organs", sondern um ein "alles verlieren". Im Nu ließ der Vater (sogar archaischerweise die Mutter) sie fallen, war abwesend. Entsetzen, Fassungslosigkeit, Gleichgültigkeit dem anderen gegenüber; ihr Körper, der nicht seine Erotik, sondern seine unerträgliche Nacktheit offenbart, schreit, unerträglich. Der Phallus schwindet, und der „Andere“ Ort, unendlich, ohne Orientierung, breitet sich brutal aus. Das Reale und das Symbolische fallen auseinander.

Die Forderung, die sie vom Anderen erhält, diesen „Anderen“ Ort , den sie jetzt bewohnt (S von A barriert), zu zivilisieren, und ganz besonders durch ihren Körper für das Genießen des Mannes geeignet zu machen, kann sie vor ein Rätsel stellen oder entsetzen. Das ist vielleicht die Ursache der berühmten hysterischen „Abneigung“ gegen die Sexualität.

Zweite Bemerkung: am Ende des langen Weges ist sie kein gespaltenes Subjekt, sondern „Die“ barriert, von der aus kein Phantasma geschrieben werden kann (imaginäre Phantasmen können wuchern/vermehrt vorkommen).

Dieses „Die“ barriert bedeutet, dass sie nicht-ganz ist, nicht-ganz in der phallischen Funktion, also nicht ganz-eine und nicht ganz-Andere. Ganz-Andere ist unmöglich, denn das brächte DIE Frau zum Existieren, und es gäbe keine Reale O mehr. Sie ist radikal anders, aber nicht die Ganz-Andere. Sie ist in der phallischen Funktion eingeschrieben, nimmt den ihr zugewiesenen Platz ein, das Symptom des Mannes zu

sein; ich erinnere daran, denn der Mann verwechselt sein Objekt „a“ mit dem Anderen, den er gern treffen würde. (Das ist, was Lacan " la maldonne " nennt, (das falsche Geben, auch das Missverständnis). „Nicht-ganz“ in der Funktion. Manchmal so wenig... sagt Lacan. Das "Nicht" kann „fast“ den ganzen Platz einnehmen, wenn ich es so sagen kann; das bedeutet, dass die Barre auf dem S von A immer dazu tendieren kann, abzugehen.

Sagen wir es so, eine Frau kann immer mit dieser Eventualität flirten, und anstatt dass ein Teil von ihr, der Teil von "Nicht", mit diesem zusätzlichen, rätselhaften Genießen, dem „Anderen“ Genießen, zu tun habe, wird sie zum Genießen des Anderen. Die Frauen flirten dann auch nicht mit einem Stück Unendlichkeit, mit einem Stück unendlicher Leere, meistens verkannt, und von dem sie nichts erzählen,

klagt Lacan.

Sie flirten mit dem Genießen des Ganz-Anderen, zielen darauf ab, und das ist meine These, mit der Verrücktheit, sogar mit der pseudo-Psychose, diesen Raum zu schließen; es ist möglich zu sagen, sie zielen darauf ab, "den Signifikanten des Femininen im Unbewußten zu schreiben". Anders gesagt, diesen inkonsistenten „Anderen“ konsistenter zu machen, den sie bewohnen (ich sage wohl inkonsistent und spreche nicht von Unvollständigkeit).

Durch das Schreiben zum Beispiel; aber da der Andere der Körper ist, auch durch die Suche nach verschiedenen Exzessen: Sucht, Ritzen, reale Traumata, die diesmal dieser Leere in sich selbst eine Grenze setzen. Diese Leere manifestiert sich sowohl durch Kleinigkeiten (keine Ideen haben, nichts zu sagen wissen) als auch durch das Entsetzen, sich verloren zu fühlen, außerhalb der Existenzbedeutung. Doch über diese Leere, die sich einschleicht und hetzend ist, sprechen die Frauen, entgegen dem, was Lacan sagt.

Zerbrechlich also, emotional oder ausschweifend, ohne jeglichen Respekt für irgendeine Grenze, da es keine gibt, abwechselnd das Eine und das Andere: das sind die Folgen davon, diesen Platz zu einzunehmen, den Lacan mit seinem Genie als „Nicht-ganz in der phallischen Funktion“ aufgezeigt hat.

Selbstverständlich ist das große Heilmittel das erotomanische Genießen der Liebe, doch da taucht das auf, was Lacan " le ravage " genannt hat, die Verheerung. Wir kommen gleich darauf zu sprechen.

Nur noch ein Wort über die Frage des Unbewußten, da ich angekündigt hatte, dass ich über diesen Signifikanten sprechen würde. Lacan hat für diesen Signifikanten Worte, die nicht gerade "politisch korrekt" sind.

So diese Bemerkung vom 11ten Januar in dem Seminar Les non-dupes-errent ~ Die Nicht-Reingelegten irren: "Einer Frau ist das Unbewußte als disharmonisches Wissen fremder, als es dem Mann ist... denn es kommt zu ihr durch den Mann... durch den Mann, von dem sie träumt." Und weiter: "Was können wir dazu sagen, wenn nicht wie Freud, dass das Unbewußte es den Frauen nicht leicht macht."

Und weiter: "Es ist erkennbar, dass das Unbewußte mit der Realität einer Frau sehr viel weniger verwoben/verflochten ist, als mit der eines Mannes ". Wie kann man das beleuchten?

Jede Signifikanten- oder Buchstabenkette enthält die permanente Möglichkeit eines virtuellen Lochs, in dem die Buchstaben mit ausgeschlossenen Signifikaten Zuflucht finden können.

Dennoch genügt die Präsenz dieses virtuellen Lochs nicht mehr, um den Mechanismus der Verdrängung zu erhalten. Es bedarf der Intervention eines Meistersignifikanten, der sich auf den Zumindest-Einen stützt, damit eben entschieden wird, was ausgeschlossen sein soll und was nicht. Es ist der Meistersignifikant, der die Fähigkeit zu einer Bejahung hat, zu einem Segen, zu einer Aufnahme in die Realität oder zu einer Verwerfung in das Reale.

So kann der Buchstabe das Objekt "a" unterstützen, insofern er zwar ausgeschlossen ist, aber durch den phallischen, auschließenden Operation, erotisiert wird. Er wird so als Ursache des Begehrens fundiert.

Das Problem ist, dass diese Vorrichtung bei einer Frau in Verzug gerät. In diesem offenen Ort, ohne gründende Ausnahme, ohne Aussagekraft, den sie innehaben, orientiert sie sich einzig und allein an einer Spalte, die sich ständig und endlos zurückzieht; es gibt keinen einzigen Meistersignifikanten, der den Schnitt sichert. In dieser Hinsicht hat eine Frau kein Unbewußtes, "der Andere, mit dem sie zu tun hat, weiß nichts" sagt Lacan. Sie hat mit einem Fluss zufälliger und unsicherer Elemente zu tun, schon mit einer Schrift im Realen, die aber schwebend ist und ständig verschoben wird.

Es ist verständlich, dass diese Botschaften, die von diesem Ort S von A barriert zu ihr kommen, nicht sexueller Natur sind, eher rätselhaft, eine Art Ruf der Leere.

Was ihr eine Orientierung gibt, das ist ihr anderer Fuß, der phallische. Anders gesagt: der Meistersignifikant kommt von dem Partner, und sie wird seinem Phantasma entsprechend verdrängen. Auch wenn diese Verdrängung imaginär bleiben wird, und wechseln kann, wenn sie den Partner wechselt, was von der Klinik bestätigt wird. Die Verdrängung rührt von einer Botschaft, die aus dem Sozialen stammt.

Dafür hat sie selbstverständlich ein Unbewußtes als Tochter, aber vor allem als Mutter.

Was für sie auch eine Orientierung sein kann ist der soziale Diskurs, so wie er mit seinen Meistersignifikanten erscheint, denen sie ganz* ausgesetzt ist. Die "Me-too" und " Balance ton porc " Bewegungen haben uns das brillant wieder gezeigt.

Doch bevor ich mehr auf aktuelle Fragen eingehe, werde ich den Fall einer berühmten Frau erwähnen: Catherine Millet, Kunstkritikerin und Leiterin der Zeitschrift Art press international, hat autobiographische Texte veröffentlicht, die uns möglich machen, darüber zu sprechen, wie diese strukturellen Elemente in der Modernität ins Spiel gebracht werden können.

* Im Text steht partiellement aber bei dem Vortrag wurde das mit totalement, also ganz, geändert.

übersetzt von Martine Gardeux und Gabrielle Gimpel

MCC